22.12.2008 | Traumjob im roten Gewand

Der diesjährige Schweriner Weihnachtsmann ist ein Berliner Musiker. Normalerweise jubeln ihm die Zuschauer zu, wenn Eberhard Stolle mit Gitarre und Mundharmonika bewaffnet seinen geliebten Blues auf die Bühne zaubert. In Schwerin ist das anders. Hier sind vor allem Kinder seine Fans. Sie jubeln nicht, sondern drücken seine Hand, mal verschämt, mal ängstlich, mal freudig erregt. Denn seit der Eröffnung des Schweriner Weihnachtsmarktes ist der Berliner Musiker Big Joe Stolle der Weihnachtsmann.

Morgen zum letzten Mal.

Altstadt Timo Weber

 

Punkt 16 Uhr dreht Heiko Lindemann auf der Bühne auf dem Markt die Regler seiner Sound-Anlage auf und spielt den Jingle an, der den Besuchern des Weihnachtsmarktes die Ankunft des Weihnachtsmannes verkündet. Zwei Jungen drängen sich bereits an der hölzernen Treppe, die zur Bühne führt. Weihnachtsmann Stolle wird sie später als „Profis“ bezeichnen. „Sie kommen fast jeden Tag, sind stets die ersten und haben immer ein gutes Gedicht für mich“, berichtet der Weihnachtsmann. Doch bevor er sie zu sich auf die Bühne bitten wird, bahnt sich der große, kräftige Mann mit dem künstlichen weißen Bart und dem alt bekannten roten Gewand gemächlich den Weg über den Markt. Im Rathaus, im Zimmer 110 im Erdgeschoss, hat er sich zuvor umgezogen. Den ledernen Cowboy-Hut gegen die Zipfelmütze getauscht, den Bart angebracht – mehr Verkleidung braucht Big Joe Stolle nicht. Seine Figur ist Weihnachtsmann-kompatibel.

Alle Kinder werden mit
Handschlag begrüßt
Einige Kinder laufen lachend auf ihn zu, als er den kurzen Weg vom Rathaus zur Bühne absolviert. Andere verstecken sich verschüchtert hinter den Beinen ihrer Mütter und Väter. Und die ganz Kleinen schauen von interessiert bis überrascht. Allen ist eines gleich: Sie haben nur Augen für den Mann in Rot, der ab und an ein wohlig-warm klingendes „Ho, ho, ho“ ins Mikro brummt und jedes Kind einzeln mit Handschlag begrüßt.

Dann nimmt er auf dem Polsterstuhl auf der Bühne Platz und es wirkt fast ein bisschen, als halte der König Hof. Er streicht sich über den nicht eben langen weißen Bart und fordert die beiden Jungs auf, zu ihm zu kommen. Die „Profis“ liefern nacheinander wie gewünscht Weihnachtslied und Gedicht ab und erhalten dafür einen Schokoriegel. Die Elfjährigen springen kurz darauf guter Laune die Stufen herunter und verschwinden sofort vom Markt. Ihre Aufgabe hier ist getan.

„Die Kinderwünsche sind konkret und klar formuliert“Für den Weihnachtsmann geht es weiter im Reigen: Als die kleine, etwa dreijährige Janine mit ihrer Mutter zu ihm kommt, lobt Big Joe Stolle die Kleine: „Deine Mutter traut sich wohl nicht alleine zu mir? Schön, dass du sie unterstützt.“ Das Eis ist gebrochen. Das Mädchen greift zum Mikrofon und singt herzerwärmend. Sarah, Jenny und Franziska dürfen sogar zu dritt auf die Bühne. Sie singen „Kling Glöckchen“ und bekommen ihre Nascherei. Ihre Wünsche an den Weihnachtsmann sind eindeutig: Sarah möchte eine Wii-Spielekonsole, Jenny ein Nintendo-Spiel und Franziska wünscht sich eine Nintendo-DS-Konsole.

„Ich hab auch schon Wunschzettel bekommen ebenso wie gemalte Wünsche“, erinnert sich der Weihnachtsmann. Big Joe Stolle macht den Traumjob in Rot nicht zum ersten Mal. Auch in Rostock und Berlin hat er schon den Weihnachtsmann gegeben. „Die Wünsche der Kinder sind zumeist klar formuliert. Ausgefallenes habe ich noch nicht gehört“, berichtet er.

Erstaunt sei er dagegen über die Textsicherheit der Kinder auf dem Schweriner Weihnachtsmarkt. „Sie sagen ganz schüchtern und leise ihren Namen, aber wenn sie das Mikro in der Hand halten, singen oder rezitieren sie ganz selbstbewusst.“ Manchmal benutzen Eltern ihn auch als Drohung, erzählt der Weihnachtsmann. „Wenn du nicht artig bist, dann kommt der Weihnachtsmann mit der großen Rute“, sagen sie und schieben ihr verängstigtes Kind zu Stolle. „Dann dreh ich den Spieß um. Für so etwas bin ich nun gar nicht zu haben“, sagt er lachend. Denn Angst solle nun wahrlich niemand vor ihm haben. Ganz im Gegenteil. Deshalb ist er auch glücklich, noch nicht solche Weihnachtsbitten sein Vorgänger Dirk Scheffelmeier gehört zu haben, als sich Kinder wünschten, dass Papa nicht mehr die Mama schlagen soll.

Stolle ist froh über die Arbeit als Weihnachtsmann, zu der ihn Markt-Veranstalter Matthias Wölk überredet hat. Den kennt er durch seine musikalische Zusammenarbeit unter anderem für die Motorrad-Messen. „Das ist ein dankbarer Job“, sagt der Schweriner Weihnachtsmann. „Ich sehe, wie Groß und Klein aus ihren Gesichtern heraus lachen und der Stress der Vorweihnachtszeit einfach wegfliegt.“

Doch es ist ein Traumjob auf Zeit. Mal kurz vor, mal etwas nach halb Fünf haben alle Kinder auf dem Markt ihre Naschereien erobert. Dann steht der Weihnachtsmann auf, blickt wissend ins Rund und fragt traditionell: „Wart ihr auch alle schön artig?“ Das lautstarke „Ja“, das ihm entgegen schallt, ist wie sein Stichwort, die Bühne zu verlassen. Wieder schüttelt er auf dem Weg kleine Kinderhände, wieder ruft er sein brummelig-schönes „Ho, ho, ho“. Dann ist die Weihnachtsmannsprechstunde vorbei und Weihnachtsmann Big Joe Stolle verschwindet wieder im Zimmer 110 des Rathauses – bis zum nächsten Tag um 16 Uhr.

Nach der Bescherung mit Musikerkollegen feiern Auch wenn er „eine wunderschöne Zeit hier“ hatte, freut sich Stolle doch riesig auf den Heiligabend. Dann wird er in seiner Heimatstadt Berlin die schon gekauften Geschenke einpacken, mit seinen Kindern feiern und die Präsente wieder auspacken. Kurz nach Mitternacht geht es zu einem Musiker-Kollegen von Rockhaus. Dort trifft sich die Szene und feiert bis morgens. „Früher haben wir uns regelmäßig auf Veranstaltungen gesehen“, sagt Big Joe Stolle. „Da es die aber nicht mehr so oft gibt, sind solche privaten Feste eine schöne Gelegenheit, ein Wiedersehen zu feiern.“ Und vielleicht können auch wir Schweriner im nächsten Jahr den schwergewichtigen Musiker im Weihnachtsmann-Kostüm wiedersehen.

Ihre Überschrift

Franziska, Jenny und Sarah (v.l.) bekamen für ihr Lied Süßes von Weihnachtsmann Big Joe Stolle.